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GEMA, 2. Runde: Mitgliedschaft als schützende Fessel?

by Wolfgang Senges on Juli 1, 2009 in Kultur, Organisationen

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© Lou Oates | dreamstime.com

Ich hatte es bereits versprochen – hier ist also der Folgeartikel. Eines vorab: Der gesamte GEMA-Apparat aus Regeln, Bedingungen und Tarifen ist äußerst komplex. Sollte ich irgend etwas falsch darstellen – sei es entweder zu Gunsten oder zu Ungunsten der GEMA – macht mich bitte darauf aufmerksam. Ich werde meinen Artikel umgehend korrigieren. Schickt mir eine Email oder postet einfach eine Antwort zum Artikel. Ich werde mich gerne korrigieren.

Ich weiß nicht, wie es sich mit der ASCAP und anderen Verwertungsgesellschaften verhält – ich kann mir allerdings kaum vorstellen, dass es schlimmer als hierzulande ist.

Es beginnt damit, dass jedes Mitglied der GEMA, das eines seiner Probleme mit der GEMA vor Gericht klären lassen möchte, vor einem grundsätzlichen Problem steht. Juristisch betrachtet, ist die GEMA ein eingetragener Verein. Das impliziert zumindest einen wichtigen Aspekt: Jede Handlung der GEMA fußt auf der Stimme seiner Mitglieder. D.h. Ihr – so Ihr Mitglied der GEMA seid – authorisiert die Handlungen der GEMA.

Aber schauen wir uns das Ganze doch mal näher an…

Innerhalb der GEMA gibt es drei verschiedene Typen der Mitgliedschaft:

  • Klasse C: Angeschlossene Mitglieder, die Beiträge zahlen und abstimmen dürfen. Die Voraussetzungen zur Zulassung als Mitglied sind gering, so dass es recht einfach ist, Mitglied zu werden.

  • Klasse B: Außerordentliche Mitgliedschaft. Man muss nachweisen, dass man seine Tätigkeit als Texter, Songschreiber, Verleger etc. beherrscht (z.B. durch eine Prüfung oder aufgrund eines relevanten Abschlusses).
  • Klasse A: Ordentliche Mitgliedschaft (jetzt wirds lustig). Ihr könnt nur dann beantragen, als ordentliches Mitglied aufgenommen zu werden, wenn Ihr bereits fünf Jahre außerordentliches Mitglied gewesen seid und wenn Ihr zuvor in fünf aufeinander folgenden Jahren Tantiemen in Höhe von mindestens 30.677,51 EUR pro Jahr (Anforderungen von 2006) erzielen konntet.

Nun schaut Euch Eure Tantiemen an, und Ihr bemerkt, worauf ich hinaus möchte. In 2006 zählte die GEMA ungefähr 60.000 Mitglieder. Hier sind die Zahlen: 53.371 angeschlossene Mitglieder, 6.319 außerordentliche Mitglieder – und 3.000 ordentliche Mitglieder. Das entspricht einem Anteil ordentlicher Mitglieder von weniger als 5%. Die Gesamtsumme erzielter und von der GEMA eingetriebener Tantiemen teilte sich wie folgt auf: Die Gesamtheit der angeschlossenen Mitglieder (die ca. 85% aller Mitglieder stellten) erhielten 26% der Tantiemen, außerordentliche Mitglieder (sie stellten ca. 10%) erhielten 6% – und die ordentlichen Mitglieder erhielten… 68%. Bei einem Mitgliederanteil unterhalb von 5%.

Allein ordentliche Mitglieder haben ein direktes Mitspracherecht in der Mitgliederversammlung. Es verwundert daher kaum, dass die Satzung deutlich durch nur (relativ betrachtet) wenige Personen beeinflusst ist. Diese genießen Privilegien wie bspw. Zahlungen aus der Sozialversicherungskasse der GEMA. Um in diesen Genuss zu kommen, muss man allerdings 60 Jahre oder älter sein und seit mindestens fünf Jahren ordentliches Mitglied.

Dies sollte man im Kopf behalten, wenn jemand erzählt „Du musst nur Dein Recht als Mitglied der GEMA in der jährlichen Vollversammlung ausüben“. Übrigens… wer bezahlt dann eigentlich die Kosten für Reise und Übernachtung während der Versammlung, die dieses Jahr in München statt fand? Das verfügbare Budget der Mehrheit der Künstler liegt äußerst niedrig. Und man erwartet auch nicht wirklich, dass alle Mitglieder kommen – welche Arena bietet Platz für 60.000 Sitzplätze? Fazit: Die Stimme der GEMA ist eben nicht die des einfachen Künstlers.

Auch der Austritt eines Mitglieds ist natürlich in der Vereinsordnung geregelt. Bei Unterzeichnung des Vertrags hat man die Möglichkeit zu wählen, welche Nutzungsrechte der GEMA übertragen werden. Allerdings – sind sie einmal weg, dann sind sie weg. Creative-Commons-Lizenzen bieten eine Auswahl zwischen unterschiedlichen, restriktiveren Lizenztypen, die dem Künstler die Freiheit lassen zu entscheiden, wer eine Nutzungslizenz erhält. Die GEMA dagegen ist verpflichtet, jedem eine Lizenz zu erteilen, der sie nutzen möchte. Du möchtest Deine Songs nicht gecovert sehen? Pech gehabt. Du möchtest ein Produkt nicht mit einem Song von Dir bewerben? Pech gehabt. Andererseits bist Du derjenige, der exklusiv an die GEMA gebunden ist und seine Lizenzen nicht über andere Unternehmen vertreiben darf. Und Alles und Jedes, was Du kreierst, wird von der GEMA verwertet. Keine Wahl.

Und gib Acht, wenn Du aus der GEMA austreten möchtest: Der von Dir unterzeichnete Vertrag gilt für drei Jahre. Solltest Du die Kündigungsfrist (sechs Monate) versäumen – ooops, wieder um drei Jahre verlängert. Automatisch. Na, das ist doch mal ein Service! Vielleicht solltest Du Dein Augenmerk außerdem auf den Umstand lenken, dass Du explizit den Satz streichen musst, der besagt, dass Du für *sechs* Jahre unterschreibst. Andernfalls…

Kaum jemand ist sich der Auswirkungen und der Tragweite bewusst, wenn sie oder er beschließt, Mitglied zu werden. Das ist schlecht. Auch abgesehen von den wenigen Punkten, die ich in diesem Artikel anspreche und jenen, die den außer Sichtweite und unter Wasser schlummernden massiv großen Eisberg bilden, sollte man unbedingt darauf achten, wie man seine Mitgliedschaft beenden kann.

Meine Güte… Ich bemerke, der Artikel wird länger als geplant. Ich werde hier einen Schnitt machen. So könnt Ihr Euch auf weitere Fortsetzungen freuen – mindestens auf eine.

Darin werde ich detaillierter auf die Nachteile der Tarifstruktur für Lizenzen eingehen. Das wird sehr nett zu lesen sein. Vermutlich werdet Ihr Euch auch am „Tariffinder“ erfreuen, den ich gefunden habe. Na gut, es gibt einen gewissen Interpretationsspielraum, was „Finder“ besagt… wie auch immer. Ich werde sogar versuchen zu berechnen, wie viel ich für einen GEMA-lizenzierten Song auf meiner Site bezahlen müsste.

Bis bald.

[Anmerkung: Alle statistischen Angaben und Fakten sind entnommen aus dem Buch von Lothar Scholz „GEMA, GVL & KSK – Die Praxishilfe für Musiker und Musikverwerter“, 3. aktualisierte Auflage, 2007.]

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