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Farbwerte – Lohnenswerte Perspektiven auf SchwarzRotGold

by Wolfgang Senges on October 3, 2009 in Art & Content, Culture, Events

© Robert Eysoldt / Frank Roesner :: Farbwerte

Es gibt Tage, die ich bevorzugt ohne Medien im Innern meiner Häuslichkeit zubringe. Karneval. Silvester. Abseitig dieser schaurigen Tage kann man entweder der Natur frönen oder sich als unauffälliges Café-Inventar in wunderbar umtriebigen Stadtdschungeln genüsslich dem Menschenstudium hingeben. Nicht so an diesen aufoktroyierten Tagen, die stets im Marketing-günstigen Bundling mit Emotionspaketen einschließlich Nicht-Echtheitsgarantie daher kommen.

Warum der Artikel? Warum heute? Warum innerhalb eines Medien- und Musik-fokussierten Blogs?

Wir schreiben den 3. Oktober, Tag der Einheit, diesmal 2009. Wenn der Tag (glücklicherweise) auch nicht eine solch ausgeprägte Eventcharakteristik hat wie die oben genannten, so tragen die geliebten Medien mit Sondersendungen, MovieFilmFilmMovies, Kurzserien, Dokumentationen, Performances, Ratespielen und Leipziger Allerlei doch das ihnen Mögliche dazu bei.

Ein Tag zum Zurückziehen. In die eigene, solipsistische Welt.

Gäbe es da nicht Veranstaltungen – und hier finden wir wieder den Bezug zur Site-gemäßen Umgebung – die tatsächlich Anlass, Kultur und Charakterstudien zusammenführen. Auf angenehme Art und Weise. Und mit der Option, neue Blickwinkel zu finden.

Farbwerte – eine Ausstellung, geöffnet vom 02.-11.10.2009 in Berlin. Ort ist interessanterweise die ehemalige Staatliche Münze Berlin, wo Reichsmark, DDR-Mark, D-Mark und Euro geprägt wurden.
Grundlage der Exponate ist die Flagge der Bundesrepublik Deutschland. Aufgabe der 60 teilnehmenden Künstler war es, die Flagge ganz oder in Bestandteilen in ihre Kunstwerke zu integrieren – gleichgültig, ob Fotos, Design, Bilder oder Mode.

Die aus meiner Sicht spannendste Komponente trägt Initiator und Creative Director Robert Eysoldt gemeinsam mit Fotograf Frank Rösner bei: Porträts von 40 Personen aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Porträts in Wort und Bild – natürlich mit Flagge.

Womit wir über Umwege bei der Musik wären… denn Roland von Voltaire, abgelichtet in urdeutscher Gemütlichkeit, beleuchtet in seinem Statement recht gut den problematischen Kern der eigenen Auseinandersetzung mit unserer Kultur im Scheinwerferlicht der Kommunikation mit “fremden” Kulturen:

“Ich habe weite Teile meiner Kindheit im Ausland verbracht, und in der Ferne war das Deutsch-sein stets präsent: Als 9-jähriger in Moskau von Gleichaltrigen auf dem Spielplatz als “Faschisty” betitelt, als Teenager in Peking sich mit Menschen aus aller Herren Länder unterhaltend, immer die Hand am Abzug der Entschuldigung für unsere Kultur. Ging ich dabei mal zu weit, rief ich Befremdung in meinem Gegenüber hervor… Wo andere Kulturen klare Struktur vorgeben, ist unsere unperfekt selbstkritisch. Dadurch haben wir die Freiheit, unsere eigene Suppe auszulöffeln.”

Mag sein, dass dies nicht jedem so eingänglich erscheint. Aber genau dann, wenn man selbst in einem fremden kulturellen oder situativen Rahmen steht – das ist der Moment, in dem man Abstand zur eigenen Kultur gewinnt und diesen Gewinn in neuen Erkenntnissen für sich umsetzen kann.

Der Kern des national Repräsentativen, die Staatsflagge, in einem neuen Rahmen. Das ist Farbwerte.

P.S.: Sagte ich bereits, dass ich bis zu meinem 30. Lebensjahr staatenlos war? In der Tat.

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